Interview mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Professor Dr. Christian Pfeiffer ist Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und war früher Minister für Justiz in Niedersachsen
Im Interview mit der Redaktion von "Mach-nicht-alles-kaputt.de" spricht er über Chancen der Kriminalprävention als gesamtgesellschaftliche Herausforderung zur Bekämpfung von Vandalismus und illegalem Graffiti.
Redaktion:
Stimmt es, dass die Graffitiszene eine Jungen-Domäne ist?
Prof. Pfeiffer:
Gewalt gegen Sachen oder Gewalt gegen Personen – beides wird von Mädchen sehr viel weniger praktiziert. Die Geschlechterunterschiede sind aber bei Sachbeschädigungen wie Graffiti weniger groß als bei Gewalt. Da haben wir 4-Mal so viele männliche Mehrfachtäter.
Redaktion:
Gibt es hierfür eine wissenschaftliche Erklärung?
Prof. Pfeiffer:
Jungen werden eher dazu erzogen, ihre Gefühle wegzusperren, sich zu panzern und Frust runter zu schlucken. Jungen sollen nicht weinen. Das ist nicht hilfreich. Es trägt dazu bei, dass Jungen Schaden, den sie bei Opfern anrichten, nicht sensibel wahrnehmen können. Frauen werden dazu erzogen, die Konsequenzen ihres Handelns im Auge zu behalten. Sie entwickeln Empathiefähigkeit, mit deren Hilfe sie sich in Opfer hinein versetzen können. Jungen blockieren da eher und negieren, dass sie verantwortlich sind. Von daher haben sie weniger Hemmungen, Gewalttaten zu begehen. Es gibt noch einen Faktor, der Jungen und Mädchen immer deutlicher unterscheidet: Von 100 Schulabbrechern sind 64 Jungen und nur 36 Mädchen. Von 100 Sitzenbleibern sind 60 Jungen und 40 Mädchen. Aber von 100 Abiturienten sind 58 Frauen und nur 42 Männer. Die Frauen haben in den letzten 10 Jahren leistungsmäßig klar die Führung übernommen.
Redaktion:
Was macht das mit den jungen Männern?
Prof. Pfeiffer:
Sie sind frustriert. Und sie streben auf andere Weise nach Anerkennung. So sind Jungen viel häufiger als Mädchen negativ aufgeladen, wenn die letzte Schulstunde vorbei ist. Ihre Frustrationserfahrungen setzen sie dann auf dem Schulweg in Gewalt um. Das kann zu Lasten von Fensterscheiben oder von Sitzen in U- und S-Bahnen gehen. Es trifft also fast zufällig die Verkehrsunternehmen, die Jugendliche in die Schule oder wieder nach Hause fahren.
Redaktion:
Woran liegt denn der schulische Misserfolg der Jungs?
Prof. Pfeiffer:
Eine Hauptursache für diese Leistungsschwäche der Jungen sehen wir in den Computer-Spielen. Je mehr Zeit die Jungen dafür aufwenden und je brutaler die Computerspiele sind, desto schlechter fallen die Schulnoten ihrer Nutzer aus – das konnten wir in unseren Forschungen nachweisen. Durch Experimentalforschungen lässt sich inzwischen aufzeigen, dass hier eine echte Ursache-Wirkung-Beziehung besteht.
Redaktion:
Wie bewerten Sie den Faktor Mutprobe und den Nervenkitzel beim illegalen Sprayen? Ist das die eigentliche Motivation, sich dem Sprayen zuzuwenden?
Prof. Pfeiffer:
Man muss unterscheiden: Es gibt einige wenige, die das Sprayen als Ausdruck ihrer Kreativität nutzen und mit Bedauern zur Kenntnis nehmen, dass dabei auch Schaden entsteht. Die Mehrheit sucht tatsächlich den Reiz des Verbotenen und eine Chance, sich vor anderen zu profilieren. Es wird Frust abgebaut, in dem man anderen Schaden zufügt.
Deshalb ist es auch eine Illusion zu glauben, dass freie Flächen für legales Graffiti der Sachbeschädigung ein Ende bereiten würden. Vielen Graffiti-Sprayer geht es einfach nicht darum, sich künstlerisch auszutoben. Legales Sprayen wäre für sie einfach nicht attraktiv.
Redaktion:
Das heißt, man muss die jugendlichen Sprayer in zwei Gruppen teilen?
Prof. Pfeiffer:
Ja, in eine kleine Gruppe, die wirklich künstlerische Ambitionen hat. Die werden gewissermaßen von jeder freien Fläche angezogen, um sich auszutoben und dem Farben- und dem Formenrausch hinzugeben. Wenn das legal geschehen kann, umso besser.
Die weitaus größere Gruppe findet es spannend, Grenzen zu überschreiten und Schaden zu verursachen. Die Sprayer dieser Gruppen wollen die Öffentlichkeit provozieren. Die große Mehrheit der Graffiti-Sprayer ist dem Reiz des Verbotenen erlegen. Das Bereitstellen von freien Flächen – was mit besten Absichten von den Kommunen praktiziert wird – wird diese Gruppe der Sprayer nicht von ihrem illegalen Tun abhalten.
Redaktion:
Müssen künstlerisch begabte Sprayer erst durch die illegale Szene?
Prof. Pfeiffer:
Die meisten Sprayer finden ja wenig Anerkennung in der normalen bürgerlichen Szene. Aber junge Menschen brauchen Anerkennung wie Pflanzen das Wasser und das Licht. Wenn die im schulischen, familiären und sozialen Kontext ausbleibt, dann ist die Gefahr groß, dass sie fest in ihren Subkulturen verankert bleiben und dort auf problematische Weise die Streicheleinheiten und die Bewunderung erlangen, die ihnen sonst fehlt.
Redaktion:
Können Schulen da gegensteuern?
Prof. Pfeiffer:
Wir haben in Deutschland ein echtes Problem mit unseren Halbtagsschulen. Sie vermitteln Schulwissen, aber zu wenige Erfahrungsmöglichkeiten, sich sportlich, kreativ und künstlerisch auszutoben. Da sind uns die Nachbarländer weit voraus, die nachmittags mit Sport, Kultur und Kunst etwas umsetzen, das man mit "Lust auf Leben wecken" zusammenfassen könnte. Meine beiden Kinder haben im Ausland erlebt, was Schule sein kann. Die Rückkehr in unser "langweiliges", einseitiges Schulsystem ist beiden danach sehr schwer gefallen.
Redaktion:
Was kann also getan werden?
Prof. Pfeiffer:
Es geht nicht nur darum, moralisch an die Jugendlichen zu appellieren und ihnen Respekt vor dem Eigentum anderer beizubringen. Entscheidend ist, die Jugendlichen mit attraktiven Angeboten im Leben zu verankern. Wer satt an familiärer Zuwendung und Anerkennung außerhalb der Familie ist, wer mitten im Leben steht und als Sportler oder Musiker im sozialen Feld irgendwo seine Rolle gefunden hat, der hat es nicht nötig, durch Sachbeschädigungen auf sich aufmerksam zu machen. Er braucht kein illegales Graffiti, um sich ein Image zu verschaffen. Es sind immer Defizite, die kompensiert werden. Also muss es darum gehen, Jugendliche am besten durch Ganztagsschulen, die nachmittags diesem Motto "Lust auf Leben wecken" folgen, zu einem inhaltsreichen Leben zu bringen. Gegenwärtig ist der Nachmittag von Jungen viel zu stark durch aggressive Computer-Spiele und passivem Fernsehkonsum geprägt. Der durchschnittliche männliche Hauptschüler verbringt fünf bis sechs Stunden mit Medienkonsum pro Schultag. Ein krankes Leben. Es ist nicht verwunderlich, dass bei den Mehrfachtätern von Graffiti ganz klar die Hauptschüler dominieren und die Gymnasiasten am wenigsten vorkommen.
Redaktion:
Bisher hieß es immer, es geht durch alle soziale Schichten.
Prof. Pfeiffer:
Nein das stimmt nicht. Es betrifft weit stärker die Jugendlichen, die im Leben zu kurz kommen. Nun gibt es die natürlich auch gelegentlich im Gymnasium. Doch Jugendliche mit einem reichen Lebensinhalt sind zumeist keine Graffiti-Sprayer oder Vandalen, die Züge oder Bahnhöfe der Deutschen Bahn als Objekt ihrer Aggression verwüsten. Es sind ganz klar über alle Schultypen hinweg immer die Gruppen von Jugendlichen gefährdet, die eher auf der Verliererseite stehen, die in unser Winner-Looser-Kultur nicht so richtig Fuß fassen konnten.
Redaktion:
Würde es helfen, den Jugendlichen schon frühzeitig die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen?
Prof. Pfeiffer:
Die Information ist das eine. Doch das wichtigste Abschreckungsmittel ist das Risiko des Erwischtwerdens. Die Strafen zu erhöhen bringt wenig. Entscheidend für die Jugendlichen ist nicht, was für eine Strafe sie erwartet, sondern ob sie erwischt werden. Dass es dann Ärger gibt, ist ihnen klar. Beim Kampf gegen die Sachbeschädigung ist deshalb entscheidend, dass man immer wieder spektakulär deutlich macht: Wir kriegen euch! Das spricht sich in der Szene rum und wirkt abschreckend. Es muss dann natürlich auch Konsequenzen geben.
Redaktion:
Stichwort Strafrechtsverschärfung: Früher gingen Sprayer davon aus, dass es schon nicht so schlimm werden wird. War die Strafrechtsverschärfung ein wesentlicher Schritt?
Prof. Pfeiffer:
Ja. Ganz klar! Wenn dem Erwischtwerden nichts nachfolgt, ist man geneigt zu sagen: "Na ja, dann ist es ja harmlos". Das war früher wirklich ein auf der "Nase-Herum-Tanzen". Dem Erwischtwerden muss eine nachhaltige Konsequenz folgen. Deshalb muss man mit Graffiti-Sprayen nicht im Gefängnis landen. Aber der junge Mensch soll wissen: Ich krieg’ richtig Ärger, wenn ich so etwas mache.
Redaktion:
Bringt es etwas, z.B. im Internet authentisch und zeitnah über Fahndungserfolge zu berichten?
Prof. Pfeiffer:
Es muss deutlich werden, dass mal wieder eine Gruppe von Jugendlichen erwischt wurde und diese nun mit für sie ärgerlichen Konsequenzen rechnen muss, dass die Eltern informiert werden, dass es ein Verfahren gibt usw.
Redaktion:
Die Schulen haben eine Meldepflicht, wenn bestimmte Dinge passiert sind. Dadurch kommt eine gewisse Öffentlichkeit zum Tragen, so dass auch die Mitschüler merken, jetzt gibt es Ärger, die Polizei ist im Spiel.
Prof. Pfeiffer:
Wir haben feststellen können, dass Raubdelikte Jugendlicher rückläufig sind. Und warum? Weil die Anzeigebereitschaft sich von 27% auf 43% erhöht hat. Anders als früher müssen die Jugendlichen heute damit rechnen, dass sie richtig Ärger kriegen. Diese erhöhte Anzeigebereitschaft hat dazu beigetragen, dass die Jugendlichen seltener schwere Gewalttaten begehen. Bei Graffiti Sachbeschädigung ist es ähnlich. Wenn den Jugendlichen klar wird, dass die betroffenen Opfer immer Anzeige erstatten und die Schule mit Graffiti und Sachbeschädigungen immer zur Polizei geht, dann spricht sich das rum. Da lässt man dann besser die Finger davon.
Redaktion:
Das heißt also, jeder Geschädigte sollte Graffiti als Sachbeschädigung ernst nehmen und nicht einfach entfernen?
Prof. Pfeiffer:
Wichtig ist doch, den Jugendlichen klar zu machen: Du musst dich, für das was du tust, verantworten.
Redaktion:
Also muss man auch die Bürgerschaft dazu aufrufen, mehr hinzusehen?
Prof. Pfeiffer:
Es muss der Öffentlichkeit klar gemacht werden: "Guck nicht weg. Das nächste Mal könnte es dein Auto sein, dass zerkratzt wird!" Wenn durch Sachbeschädigung der öffentliche Eindruck von Verwahrlosung wächst, erhöhen sich auch andere Straftaten. Die Theorie dahinter nennt sich Broken-Windows-Theorie. Wenn man zerbrochene Fensterscheiben nicht repariert, kann ein ganzer Stadtteil ins Rutschen kommen. Sachbeschädigungen sind für das Image eines Viertels, eines Bahnhofs oder eines Unternehmens sehr schädlich. Wer geht schon gerne in eine solche Region? Der soziale Rückzug betrifft auch die Geschäfte und die Arbeitsmöglichkeiten. Andersrum gesagt: Für Sauberkeit und ein ästhetisch positives Image zu sorgen, fördert die Wirtschaftsentwicklung, die Lebensqualität und die Bereitschaft der Menschen, sich in ihrem Stadtteil zu engagieren. Es geht um viel mehr als Sachbeschädigung. Es geht um das Lebensgefühl und das soziale Miteinander. Das wird empfindlich gestört, wenn wir von beschmierten Wänden und schmutzigen Straßen umgeben sind und uns unwohl fühlen. Deswegen ist jede Stadt gut beraten, wenn sie sich Graffiti entgegenstellt.
Redaktion:
Für Vandalismus und Farbschmierereien steht zumeist das Synonym "Graffiti". Darin sehen einige eine Verunglimpfung der Kunstform. Was sagen Sie dazu?
Prof. Pfeiffer:
Die kleine Gruppe der künstlerisch ambitionierten Sprayer muss andere Wege suchen. Sie muss sich deutlich distanzieren von der viel größeren Gruppe derer, die nicht Kunst produzieren, sondern nur schlichte Sachbeschädigung. Die künstlerischen Sprayer sollen sich andere Orte, andere Möglichkeiten suchen, um ihrem künstlerischen Streben Ausdruck zu verleihen. Die Nähe zur Schmuddelszene von illegalem Graffiti ist für sie sehr schädlich.
Redaktion:
Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Täter-Opfer-Ausgleich gemacht?
Prof. Pfeiffer:
Der Täter-Opfer-Ausgleich kann Jugendlichen bewusst machen, welchen Schaden sie angerichtet haben und zwingt sie, sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen. Die Täter erleben die Betroffenheit der Geschädigten und werden eher einsehen, dass die Schadensersatzforderung gerechtfertigt ist. Besonders ganz junge Ersttäter kann man so von weiteren Straftaten abhalten. Der Täter-Opfer-Ausgleich lässt sich auch mit anderen Sanktionen koppeln. Ich würde es begrüßen, wenn die Bahn die Chancen offensiv auslotet, dem Täter-Opfer-Ausgleich Raum zu geben. Nun bin ich kein Fachmann, um beurteilen zu können, welche Realisierungschancen das hat. Ich kann nachvollziehen, dass es für die Bahn ein sehr großer Aufwand ist und dass sie dies deshalb ablehnt. Doch bedenkenswert ist es allemal, die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern zu suchen und zu verbessern.
Redaktion:
Was halten Sie davon, wenn die Bahn oder andere Verkehrsunternehmen an Schulen Patenschaften für Bahnhöfe und Haltestellen vergeben?
Prof. Pfeiffer:
Das ist eine wunderbare Idee. Identifikation mit einem Objekt ist immer der Weg um zu erreichen, dass dieses Objekt schonend behandelt wird. Es ist eine ganz intelligente, kreative Lösung, eine Patenschaft für eine Haltestelle zu vergeben.
Redaktion:
Sollen bei der kreativen Gestaltung auch Graffiti-Techniken angewendet werden dürfen?
Prof. Pfeiffer:
Ganz klar: Nein. Sprayen ist ja eine lustvolle Geschichte, die jedem Spaß macht. Wenn man dem Thema im Rahmen des Kunstunterrichts Raum gibt, schafft man ein richtiges Problem. Der "Zauberbesen" wird anschließend nicht eingepackt, sondern tobt sich unkontrolliert aus. Jede Schulung in der Nutzung von Sprayflaschen ist immer ein Stück Animation. Wer eine Spraydose hat, will sprayen. Und die Möglichkeit, große Flächen künstlerisch zu gestalten, ist zu selten gegeben. Da erzeugt man einen Bedarf, dem zu wenige legale Spielmöglichkeiten eröffnet werden. Deswegen meine ich, ist es immer ein Risiko, wenn man die Spraytechniken zum Gegenstand von Kunstunterricht macht.
Redaktion:
Manche Eltern denken, wenn sich mein Kind so sehr für Graffitikunst interessiert, sollte ich es auch unterstützen. Was raten sie ihnen?
Prof. Pfeiffer:
Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass man andere Formen der künstlerischen, der kreativen Betätigung fördern sollte. Es kann mir keiner erzählen, dass Graffiti die einzige künstlerische Ausdrucksform ist! Man kann Menschen auch dazu bringen zu modellieren oder mit Pinsel und Farbe großflächig Aquarelle zu entwickeln. Die Form des Sprayens ist nicht unverzichtbar, um das künstlerische Potenzial von Kindern auf einen guten Weg zu bringen.
Ich habe mit Freunden, deren Sohn ein aktiver Graffiti-Sprayer war, intensive Gespräche geführt, die darum gingen, ihm eine andere künstlerische Ausdrucksform zu vermitteln. Er hat den Rat letztendlich angenommen und ist vom Sprayen weggekommen. Er malt großflächig, gewaltige Bilder. Aber Gott sei Dank nicht mehr auf den Wänden anderer Häuser, sondern auf großflächigen Papierrollen, die sein Vater ihm besorgt hat. Weg von der illegalen Spraydose hin zum legalen künstlerischen Ausdruck.
Redaktion:
Welche Bedeutung messen Sie der Jugendpräventionsarbeit bei?
Prof. Pfeiffer:
Es ist nötig, präventive Elemente zu verstärken. Armut und Medienverwahrlosung nehmen leider zu und erhöhen den Frust der Jugendlichen. Damit steigt das Risikopotenzial von Graffiti und Sachbeschädigung. Ich sehe zwei Ansätze zur Lösung:
Erstens den schnellen Ausbau von Ganztagsschulen mit guten vielseitigen Angeboten und
zweitens die individuelle Förderung der Jugendlichen in der Schule. Das heißt, auf sie zu gehen und begreifen, was ihren Alltag, ihre Lebenswelt prägt.
Lehrer sollten in ihrem eigenen Interesse als Partner gewonnen werden. Wenn das Konzept "Lust am Leben wecken" gelingt, haben auch sie mehr Freude in der Schule.
Redaktion:
Wie kann die Präventionsarbeit in Zukunft verbessert werden, damit alle gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang ziehen? Und welche Aufgabe kommt dabei den Jugendeinrichtungen zu?
Prof. Pfeiffer:
Bisher haben die Präventionsansätze zu wenig Raum, die Zielgruppen zu erreichen. Ich sehe eine echte Chance der Prävention gegenüber den Jugendlichen erst dann, wenn wir flächendeckend Ganztags-Angebote haben, die andere Möglichkeiten eröffnen, Kinder an künstlerische Kreativität heranzuführen. Im Sport, der Musik, im Theater lässt sich eine Kultur der Anerkennung organisieren, die keine illegalen Aktivitäten braucht. Die Halbtags-Schule schafft das nicht und die offene Jugendarbeit ebenfalls nicht. Die Ganztags-Schule ist die große Chance. Vorausgesetzt, wir begreifen, dass sie keine Kinderverwahranstalt mit Suppenküche ist, sondern ein Ort, in dem das Leben pulsiert. Das gibt es im Ausland bereits in hohem Maße – bei uns bisher nur ansatzweise.
Redaktion:
Schulen sind der Rahmen, in dem sich Jugendliche bereits aufhalten. Zu Jugendeinrichtungen müssen sie extra hingehen und sich in eine Gruppe integrieren. Da gilt es sicher gewisse Hemmschwellen zu überwinden?
Prof. Pfeiffer:
Genauso ist es. Außerdem werden Jugendeinrichtungen oft von bestimmten Gruppierungen okkupiert, mit denen man nichts am Hut hat. Der große Vorteil der Schule ist, dass sie jeden ansprechen kann und dass es der Schule selber gut tun würde, nachmittags Freiräume zu eröffnen, die durch die Vorlieben der Jugendlichen gefüllt werden.
Redaktion:
Die Schulen fühlen sich gegenwärtig überfordert und überlastet, obwohl ihnen vieles gut vorbereitet angeboten wird.
Prof. Pfeiffer:
Das wird sich verbessern, je mehr Spielräume Schulen für kreatives Handeln bekommen. Damit steigen auch die Chancen, Prävention gegen illegales Graffiti zu leisten. Der PISA-Schock hat erst einmal das Gegenteil bewirkt, nämlich eine Konzentration auf Wissensvermittlung und einen Rückzug aus den kreativen Fächern. Das muss umgekehrt werden. Weil die Kinder erst über das Austoben von Kreativität wieder leistungsfähiger werden. Der Süden ist auch deswegen so weit vorne bei PISA, weil ein viel höherer Prozentsatz der Kinder in Musikschulen geht und künstlerische Austobemöglichkeiten erhält. Der Wohlstand des Südens ermöglicht das.
Redaktion:
Ist es auch darin begründet, dass dort die Mütter zu Hause bleiben und sozusagen der Dienstleister der Familie sind?
Prof. Pfeiffer:
Nicht nur. Die Berufstätigkeit der Frauen ist im Süden nicht schlechter. Die Doppelverdiener sind im Süden sogar ausgeprägter. Von 100 Kindern, die eine Musikschule im Alter von 10 bis 14 besuchen, sind 40 aus Bayern und Baden-Württemberg.
Redaktion:
Das ist also ein ganz wichtiges Element, um von Gewalt und Aggression wegzukommen?
Prof. Pfeiffer:
Ja und das ist in Halbtags-Schulen nicht ausreichend realisierbar. Dazu brauchen wir die Ganztags-Schulen und viele Partner von außen, die sich für gute Schulen engagieren. Dann können Ihre Wettbewerbsangebote auf fruchtbaren Boden fallen. Gegenwärtig sind die Lehrer überarbeitet und gestresst und haben den Kopf nicht frei, solche Angebote offensiv zu nutzen.
Redaktion:
Was können z.B. sozial engagierte Unternehmen leisten? Warum gibt es hier noch so viele Vorbehalte?
Prof. Pfeiffer:
Ich selber würde in der Forschung mit so einer Einstellung nicht weit kommen. Die größten Forschungsgelder bekommen wir von der Volkswagen-, Robert BOSCH- und TUI-Stiftung sowie von Banken und anderen Unternehmen, die wissen: Gute Gewinne macht man nur in einer gesunden Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die krank ist, hat eine ganz niedrige Konsumbereitschaft und keine Innovationskraft mehr. Wenn die Unternehmen sich also für gute Forschung oder gute Schulen engagieren, sollten wir dankbar sein. Sie machen das nicht nur für ihr Image, sondern weil sie wissen, dass sie für ihre eigene Zukunft ein einigermaßen gesundes Gemeinwesen brauchen.
Redaktion:
Man müsste hier also gewisse Ressentiments abbauen, wenn es der Sache dient?
Prof. Pfeiffer:
Genau. Ich würde keine Coca Cola Werbung in der Schule erlauben, aber immer die Partnerschaft mit der Deutschen Bahn suchen. Überhaupt kein Problem. Je mehr die Bahn genutzt wird, umso weniger wird die Straße belastet. Das kommt uns allen zugute. Und von daher ist geradezu blind, wer eine Kooperation von Deutscher Bahn und Schule nicht annimmt. Die Partnerschaft von Wirtschaft und Schule ist in Deutschland unterentwickelt.
Projekte wie Kreativwettbewerbe oder Patenschaften für Bahnhöfe sind hervorragende Möglichkeiten, sich kreativ mit dem Thema Vandalismus auseinander zu setzen.
Redaktion:
Prof. Pfeiffer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.